Kleine Vogelkunde
Allgemeine Gedanken zurück
aus dem Buch "Aus Deutschlands Vogelwelt"
Hamburg-Bahrenfeld 1936
Vor etwa 100 Jahren wurden bei uns im Lande die ersten Stimmen laut, die anklagend darauf hinwiesen, das bereits manche Tierart durch die Einwirkung des Menschen verschwunden und andere der Vernichtung nahe seien. Zunächst war es das Schicksal größerer Tierformen im Auslande, das aufsehen erregte. Die Dronte war vernichtet. Der Riesenalk, der im Mittelalter noch Schiffsladungen von Eiern geliefert hatte, war gleichfalls ausgestorben. Der amerikanische Büffel, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die Prärien in Herden von Hunderttausenden belebte, war von gewissenlosen Jägern und Fleischmachern in ihrer unstillbaren Gewinnsucht und Gefühllosigkeit gegen die Geschöpfe zusammengeschossen worden.

Die Verminderung der Arten und der Zahl ihrer Vertreter im Inlande erregte weniger Aufsehen. An den Massenfang von Raubvögeln, die man kurzweg als Räuber und Schädlinge betrachtete, ging man achtlos vorüber. Ja, man förderte sogar den Vernichtungskrieg gegen die prächtigen Vögel, die herrlichen Flieger, durch Geldprämien für ihre Erlegung. Wenn man in alten, vergilbten Akten blättert und die Jagdrechnungen der Hegereiter vor hundert Jahren betrachtet, dann gedenkt man mit Wehmut der vergangenen Zeit. In Verwaltungsbezirken von der Größe unserer heutigen Kreise wurden alljährlich 70 bis 80 See und Fischadler erbeutet, in manchen Jahren noch mehr. An kleineren Raubvögeln und Eulen fing man Tausende. Vom Kolkraben wurden alljährlich 200 bis 300 Jungvögel aus dem Neste gehoben und kaltherzig erledigt.

Die ersten Warner, die auf die Verödung unserer Natur hinwiesen, wurden vielfach überhört. Zur Hilfe kam der bedrohten Tierwelt niemand, es sei denn, dass einzelne Arten sich des besonderen Wohlwollen des Menschen erfreuten. Wo es sich um Tiere handelte, deren Bedeutung für den Menschen im Haushalt unverkennbar war, griff man allerdings vom Staate aus ein. Die Jagd und Fischereigesetze wurden frühzeitig erlassen, und diesen ist es zu verdanken, dass manche Tierart in der Heimat erhalten blieb.

Im übrigen ging die Vernichtung der Tierwelt auf der Erde ruhig weiter. Aus unseren Waldungen verschwanden Luchs und Wolf; sie folgten den Bären, und die Wildkatze wurde zur Seltenheit. Der letzte Wisent wurde gewildert, der Auerochs war längst verschwunden. Im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts erreichte die Tiervernichtung, das Schwinden der Arten, ihren Höhepunkt. Man betrachtete das verschwinden einer Tierform als Naturnotwendigkeit, die Art war eben im Kampf ums Dasein unterlegen.

Um die Jahrhundertwende dämmerte in Deutschland die Erkenntnis, das dieser Standpunkt unhaltbar sei. Die aufblühende Technik hatte der Menschheit das erhoffte Glück nicht gebracht. der Daseinskampf im Wirtschaftsleben hatte sich stark verschärft, und viele suchen nach der Tagesarbeit oder am Wochenende Erholung in der unberührten Natur. Jetzt erst erkannte man den Rückgang der Tierarten und besonders die Verödung der Vogelwelt. Die Augen wurden dafür geöffnet, das Verständnis wuchs in weiten Volkskreisen, das die Verödung der Landschaft unterbunden werden müsse, der Naturschutzgedanke brach sich Bahn und führte zum Zusammenschluss Gleichgesinnter in Verbänden, die das ganze Land überspannten. Das höchste Ziel des Naturschutzes wäre die Unverletzlicherklärung aller Tiere. Dieses Ideal ist unerreichbar. Die Zahl der geschützten Formen darf nie zu groß gewählt werden, weil sonst die Volkstümlichkeit des Naturschutzgedankens untergraben würde.

Außerdem würde die praktische Durchführung des Schutzes an dem Fehlen der Formenkenntnis scheitern. Diese ist im Volke und auch bei den überwachenden Behörden äußerst gering. Am schwächsten ist es mit der Vogelkenntnis bestellt. Jeder langbeinige Vogel von der Größe des Storches wird als Storch angesprochen. Unter den Kleinvögeln sind vor allen dem Städter nur wenige Arten bekannt. Es ist Aufgabe der Schule, hier Kenntnisse zu vermitteln und aufklärend zu wirken. Wo die Kopfzahl einer Tierart noch nicht allzu sehr gesunken ist, kann der Schutz zeitlich begrenzt werden. Es ist bereits vor Jahren davon gebrauch gemacht und für Fischotter, Edel- und Steinmarder eine längere Schonzeit verfügt worden. Im letzten Jahrzehnt hat man dazu in manchen Gegenden Deutschlands Naturschutzgebiete eingerichtet. Diese haben sich vorzüglich als Förderer des Tierlebens. Der Artenreichtum wächst in diesen Gebieten von Jahr zu Jahr, obgleich Habicht und Sperber ungestört jagen können. Solange das Tier nur tötet, um selbst zu Leben, ersetzt die Schöpferkraft der Natur die Verluste. ...

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